Virtuelles Orgelkonzert
zum 336. Geburtstag von J. S. Bach
verfügbar ab Montag, 22. März 2021
Ekaterina Kofanova, Orgel
Werke von JS Bach, Bruhns
Anlässlich des 336. Geburtstags von Johann Sebastian Bach lädt der Verein Orgelmusik St. Peter zu einem virtuellen Orgelkonzert ein. Ekaterina Kofanova, Titularorganistin der Peterskirche Basel spielt Werke von Johann Sebastian Bach und Nicolaus Bruhns und führt mit kurzen Kommentaren durch das Programm.
Konzertprogramm
Konzertinformationen
Den Geburtstag von Johann Sebastian Bach Ende März haben wir in den letzten Jahren in der Peterskirche mit Orgelkonzerten gefeiert. Dieses Jahr laden wir sie zu einem virtuellen Konzert ein. Wir beginnen mit Nikolaus Bruhns, einem Komponisten der Norddeutschen Orgelschule, die für Bach und seine Orgelmusik ein wichtiges Vorbild war.
Bruhns war 20 Jahre älter als Bach, 1665 geboren, und kam, wie Bach, aus einer Musikerfamilie. Er war, wie man es heute ausdrücken würde, ein Ausnahmetalent. Mehrere norddeutsche und dänische Städte stritten sich darum, ihn als Organisten verpflichten zu können.
So wie Bach später einmal nach Norddeutschland pilgerte, um bei Buxtehude zu lernen, kam Bruhns mit nur 16 Jahren nach Lübeck. Er wurde DER Lieblingsschüler von Dietrich Buxtehude, erlernte bei ihm Komposition und perfektionierte sein Orgelspiel. Bruhns war nicht nur ein Orgelvirtuose, er beherrschte auch das Violinspiel vollkommen. Seine Zeitgenossen berichteten erstaunt darüber, wie er allein eine von ihm komponierte Kantate aufführte: an der Orgel sitzend, sang er, spielte den virtuosen Violinpart und begleitete sich selber mit den Füssen auf dem Orgelpedal. Auch sein Talent als Komponist war außergewöhnlich. Wäre er nicht so früh, mit nur 31 Jahren gestorben, wäre sein Name heutzutage sicherlich genauso allgemein bekannt wie der Name von seinem Lehrer Buxtehude oder von seinem jüngeren Zeitgenossen Johann Sebastian Bach.
Nur 4 Orgelwerke von Bruhns sind bis heute erhalten geblieben. Von zwei Kompositionen wissen wir, dass Bach sie gekannt hat, darunter das Präludium in G. Dieses Präludium ist ein brilliantes Beispiel einer Norddeutschen Orgeltoccata. Es ist in dem sogenannten Stylus phantasticus, oder fantastischen Stil komponiert, das deutsche Musiker Mitte des 17. Jahrhunderts aus Italien importiert haben. Das Werk besteht aus mehreren Abschnitten: die einen sind frei, fantasievoll und erinnern an eine Improvisation. Zwischen diesen Episoden erklingen zwei Fugen. Sie sorgen sozusagen für Ordnung in diesem Stück, das vor einer überbordenden Spielfreude beinahe explodiert. Ganz besonders fällt der virtuose Pedalpart auf. In der ersten Fuge werden im Pedal sogar zwei Stimmen gleichzeitig gespielt. Das virtuose Pedalspiel ist ein Markenzeichen der Norddeutschen Orgelschule, das Bach später in seine Orgelwerke übernommen hat.
Man kann es sich heutzutage kaum vorstellen, dass vor 3 hundert Jahren die meisten Musikkompositionen nur in Handschriften existierten. Gedruckte Noten waren damals etwas ganz Besonderes und sehr wertvoll. Auch Bach hat nur einige wenige Werke publiziert. Dazu gehören die „Sechs Choräle verschiedener Art“ für Orgel. Heute sind sie als „Schübler-Choräle“ bekannt, genannt nach ihrem Verleger Johann Georg Schübler. Es sind ungewöhnliche Kompositionen: alles Übertragungen von Kantatensätzen, die Bach selber für die Orgel eingerichtet hat. Es ist sehr interessant, diese Orgelsätze mit dem Original zu vergleichen, natürlich klingt diese Musik an der Orgel anders als mit Gesangsstimmen und Orchester.
„Wachet auf“ ist der erste Choral in diesem Zyklus. Die Melodie, die in der Kantate hohe Streicher spielen, übernimmt die rechte Hand, gespielt am Rückpositiv; es klingt im Raum sehr klar und präsent. Die Choralmelodie, im Original von einem Tenor gesungen, wird hier mit der Trompete am Hauptwerk gespielt. Ihr Klang passt sehr gut zum Text und erinnert symbolisch an die Posaune des Jüngsten Gerichts. Das Pedal übernimmt die Funktion des Basso continuo.
„Wer nur den lieben Gott lässt walten“ ist bis heute ein beliebtes Kirchenlied. Wenn man von dem Text der 1. Strophe ausgeht, stellt man sich den Charakter eher andächtig und ernsthaft vor. Bach vertont hier aber den Text einer anderen Strophe, der heißt „Er kennt die rechten Freudenstunden“. Es ist ein heiteres Duett von zwei Frauenstimmen, die an der Orgel mit zarten Flötenstimmen gespielt werden, der Choral erklingt im Pedal. Die Melodien der Oberstimmen sind mit der Choralmelodie sehr eng verwandt, Bach fügt ihnen aber einen besonderen Rhythmus hinzu … In der Musiksprache des Barock steht dieser Rhythmus für Beständigkeit, Vertrauen und Zuversicht.
Der Choral „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ“ stammt aus einer Osterkantate. Als Orgelstück ist dieser Satz sehr ungewöhnlich, mit dem schlichten Choral in der rechten Hand und der reich geschmückten Melodie in der linken. Hier merkt man besonders deutlich, dass diese Melodie im Original für ein anderes Instrument geschrieben wurde, und zwar für eine Viola da Gamba. An der Orgel spiele ich sie mit dem Prinzipal, es ist eines der schönsten Register unserer Orgel und wurde von dem berühmten Orgelbauer Johann Andreas Silbermann vor etwa 250 Jahren gefertigt.
Immer wieder werde ich nach meinem Lieblingsorgelstück von Bach gefragt. Auf nur ein Stück könnte ich mich nicht festlegen, aber zu den Lieblingsstücken gehört unbedingt das Präludium und Fuge C-Dur. Es ist nicht so extrovertiert virtuos, wie das Präludium von Bruhns oder viele anderen Orgelwerke von Bach. Es ist aber hochvirtuos, was die Polyphonie und Komposition betrifft. Bach hat es in seinen späteren Leipziger Jahren komponiert, als er auf dem Höhepunkt seiner Kunst war. Das Präludium ist sogar im Orgelschaffen von Bach einmalig. Es klingt sehr orchestral, man könnte es sich gut als eine Sinfonia zu einer Kantate vorstellen, mit fliegenden Passagen in den Streichern und dem prägnanten Rhythmus mit Pauken und Trompeten. Sehr ungewöhnlich ist der Takt: 9/8, er kommt in der Orgelmusik von Bach extrem selten vor. Die 9 ist in der christlichen Theologie eine besondere Zahl, eine Steigerung der heiligen Zahl 3, die für den dreieinigen Gott steht. Das ganze Präludium ist, wie ein dichter Klangteppich aus einigen Motiven verwoben, die gleich am Anfang erklingen. Die einen zeigen zielgerichtet nach oben … das Pedalmotiv nach unten. Auch das Fugenthema nimmt diese Aufwärts-Abwärtsbewegung auf. … Das Stück hat für mich einen klaren Bezug zu der Ostergeschichte und ist sehr eng mit der Idee von Tod und Auferstehung verbunden. Das „Hinabsteigen in das Reich des Todes“ wird sehr bildhaft dargestellt durch dissonante Akkorde, die den Musikfluss plötzlich zerreißen. Nach einer Pause herrscht dann wieder eine Harmonie im strahlenden C-Dur.
Ekaterina Kofanova
Über die Interpretin
Ekaterina Kofanova
geboren 1973 in Minsk (Belarus) wuchs in einer musikalischen Familie auf. Ihre vielseitige musikalische Ausbildung erhielt sie am Musiklyzeum ihrer Heimatstadt, welche sie 1991 mit Auszeichnung abschloss. 1991 bis 1999 studierte Ekaterina Kofanova Musikwissenschaft (u.a. bei Prof. Dr. Inna Barsova) und Orgel bei Prof. Alexei Parschin am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau. Nach ihrer Promotion erhielt Ekaterina Kofanova einen Lehrauftrag für Musikgeschichte und Orgel an der Musikakademie in Minsk und eine Stelle als Organistin an der Belarussischen Staatlichen Philharmonie. Ekaterina Kofanova setzte ihr Orgelstudium bei Prof. Martin Sander an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg fort. Dort schloss sie ihr Solistendiplom mit Auszeichnung ab und absolvierte ihr kirchenmusikalisches Studium (A-Diplom). Anfang 2009 wurde sie zur Kirchenmusikerin und Leiterin der Konzertreihe an der Friedenskirche in Bern gewählt. Seit März 2016 ist Ekaterina Kofanova Titularorganistin an der Peterskirche Basel und künstlerische Leiterin des Orgelvereins St. Peter. Als Organistin übt Ekaterina Kofanova eine rege Konzerttätigkeit in Deutschland, in der Schweiz sowie anderen europäischen Ländern aus. Sie nahm an Meisterkursen namhafter Interpreten teil und erhielt Auszeichnungen bei bedeutenden internationalen Orgelwettbewerben. Ausserdem ist sie als Kammermusikerin, Continuospielerin und Chorleiterin aktiv.



