Orgel im Dialog mit Frankreich und Spanien
Konzert
Montag, 19. August 2019, 19:30 Uhr
Jean-Charles Ablitzer (Belfort), Orgel
Werke von Lully, Marchand, Couperin, de Heredia, Bruna und Cabanilles
Konzertprogramm
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Jean-Baptiste Lully |
Marche cérémonie des turcs et Air pour Madame la dauphine |
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Louis Marchand |
Récit |
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François Couperin |
Offertoire de la messe pour les couvents |
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Aguilera de Heredia |
Ensalada |
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Pablo Bruna |
Tiento de 1° tono de mano derecha y al medio a dos tiples |
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Juan Cabanilles |
Tiento por alamire |
Konzertinformationen
Als Macht und Ruhm des Sonnenkönigs Louis XIV ihren Höhepunkt erreichten, strahlte die Musik seines Hofkomponisten Jean-Baptiste Lully über Frankreichs Grenzen nach ganz Europa hinaus. Seine Opern waren so erfolgreich, dass sie noch über ein Jahrhundert nach ihrer Entstehungszeit gespielt wurden, bevor sie doch in Vergessenheit gerieten. In dieser Zeit wurden einige besonders bekannte Vokal- und Instrumentalfragmente aus seinen Opern für Tasteninstrumente transkribiert. In einer Epoche, die noch keine Tonaufnahmen kannte, ermöglichten solche Transkriptionen eine weitere Verbreitung der Musikwerke bedeutender Komponisten. So findet sich Lullys Musik beispielweise in Sammlungen für Cembalo, wie den livres de clavecin von Jean-Henry d’Anglebert, oder später auch in Orgelbüchern, erstaunlicherweise in einer Form der variations sur des noëls bei Claude Balbastre. Ein unbekannter spanischer Autor publizierte Transkriptionen von Lullys Arien unter dem Titel Cuatro Piezas de Clarines (mit Clarin ist ein spezielles spanisches Orgelregister gemeint).
Möglicherweise wurden auch einige Organisten von diesen Arien und Tänzen dazu animiert, der musikalischen Mode zu folgen, die sich gerade in ganz Europa ausbreitete. Auch wenn wir keine Spuren davon in den gedruckten Orgelbüchern finden, haben Organisten zweifelsohne über bekannte Opern- und Ballettthemen improvisiert. Jedenfalls hat die 1645 unter dem Einfluss von Mazarini in Paris eingeführte italienische Oper den Stil der Orgelmusik entscheidend beeinflusst. Denn diese Epoche brachte solche Formen wie Récit, Dialogue, Duo, Trio hervor, welche den Grossteil der Orgelkompositionen in Frankreich in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts ausmachten.
Transkriptionen helfen uns zu verstehen, wie Organisten damals mit dem wachsenden Einfluss der Oper umgegangen sind und wie es ihnen gelungen ist, im Rahmen des strengen kirchlichen Zeremoniells den Stil der Orgelmusik zu erneuern, bis hin zum völligen Verzicht auf die Polyphonie. Die Transkriptionen, die im Konzert erklingen, wurden von mir selbst realisiert. Natürlich dienen sie nicht mehr der Verbreitung der Musikwerke, die Aufgabe übernimmt heutzutage die Tonaufnahme. Ihr Ziel ist es vielmehr, der Orgel als einem universellen Musikinstrument Rechnung zu tragen. Dank der Registervielfalt kann sie ähnliche Effekte erzeugen, wie ein ganzes Barockorchester. Sie ist flexibel genug, um die subtile Melodik der Vokalmusik nachzuempfinden, und sie erlaubt es, den für Ballettmusik typischen Dialog der Stimmen und Instrumente kontrastreich darzustellen. Die Transkriptionen sollen auch veranschaulichen, wie die Oper neuere Musikformen beeinflusste und wie diese Formen durch Organisten für ihr Instrument adaptiert wurden. Ein direkter Hörvergleich der Transkriptionen mit dem genuinen Orgelrepertoire der Zeit zeigt, in wie fern sie sich dem Charakter der explizit für Orgel komponierten Musik annähern und sich davon unterscheiden. Die Entscheidung, für die damalige Orgelmusik typische Registrierungen entsprechend dem Satztypus zu verwenden (Grand plein-jeu für die 4-5-stimmigen polyphonen Sätze oder ein Dialogue sur la voix humaine für einen Dialog zwischen einer Solostimme und einem Chor) macht diese Gegenüberstellung umso deutlichen.
Die spanische Orgelmusik kannte solche Einflüsse der Oper kaum. Sie ist sehr lange der polyphonen Schreibweise in der Tradition des berühmten Antonio de Cabezon treu geblieben. Man findet dort kein Äquivalent zu den französischen récits, duos, trios, dialogues. Dafür zeigten die Spanier schon sehr früh Interesse an den kontrastierenden Klangfarben, die durch die Aufteilung bestimmter Orgelregister in Bass und Diskant möglich wurden. An manchen Orgeln kannte man diese Aufteilung schon am Ende des 16. Jahrhunderts, hundert Jahre später wurden alle Register eines Manuals in Bass und Diskant aufgeteilt. Die Polyphonie bleibt zwar die Regel, man nützt aber die Möglichkeit für den klanglichen Kontrast zwischen der tiefen und der hohen Lage, indem die Diskant- bzw. die Bassstimme reich verziert wird (man spricht in diesem Fall von Diminutionen). Diese neue Schreibweise, tiento de medio registro, führte zu grundlegenden Veränderungen in der spanischen Orgelmusik, die hier, bedeutend früher als in Frankreich, bereits am Ende des 16. Jahrhunderts einsetzten.
Text: Jean-Charles Ablitzer
Über den Interpreten
Jean-Charles Ablitzer

ist Titularorganist an der historischen Orgel der Kathedrale Saint-Christophe in Belfort, Frankreich. Nach Abschluss des Studiums am Konservatorium in Strassburg betrieb er eigene Forschungen zur Interpretation deutscher Orgelmusik des Barock. Zwischen 1974 und 1984 führten ihn regelmässige Besuche nach Mitteldeutschland (damals DDR), um die Besonderheiten des historischen mitteldeutschen Orgelbaus kennen zu lernen und um sich mit diesen Kenntnissen der Interpretation des Werks von JOHANN SEBASTIAN BACH zu nähern. Geleitet von diesen Eindrücken begann er damals mit der diskographischen Aufnahme von Orgelwerken. So hat er bereits 1983 eine der ersten Live-Einspielungen auf CDs mit Orgelwerken unter dem Titel „Bach und sein Jahrhundert“ vorgenommen. Seine später erschienenen Gesamtaufnahmen der Orgelwerke von Dietrich Buxtehude und Michael Praetorius wurden durch mehrere Preise ausgezeichnet.
Jean-Charles Ablitzer ist als Konzertorganist international gefragt. In Frankreich wurde er zu so angesehenen Festivals eingeladen wie La Roque-d’Antheron, Toulouse les orgues, Avignon, Musique et Memoire und Bach en Combrailles. Im Januar 2000 gab er in Nantes ein Konzert zum Thema „La folle journée Bach“ auf einer eigens dafür im Grossen Saal des Kongress-Palasts errichteten Orgel. Er beteiligt sich ausserdem an Rundfunk- und Fernseh-Sendungen und ist auch ein gesuchter Continuo-Spieler.
Während seiner Unterrichtstätigkeit als Professor am Conservatoire de Belfort von 1971 bis 2007 hat Jean-Charles Ablitzer die Errichtung von Instrumenten ganz bestimmter Stilrichtungen bzw. einer besonderen Klangästhetik durchgesetzt: die Orgel der Kirche Sainte-Odile wurde 1979 von GERALD GUILLEMIN im italienischen Stil errichtet, und MARC GARNIER baute 1984 in der Kirche von Saint-Jean eine typisch norddeutsche Orgel. Diese Orgeln haben sich gemeinsam und zusätzlich zu der historischen Orgel der Kathedrale Saint-Christophe als grossartige Instrumente für die musikalische Ausbildung erwiesen.
Im Jahr 2000 wurde Jean-Charles Ablitzer vom französischen Kultusminister zum „Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres“ und 2011 zum „Chevalier de l’Ordre National du Mérite“ ernannt.
Eintritt frei, Kollekte




